Selbstbewusst neu definieren – sich seiner selbst bewusst sein

Selbstbewusstsein wird im Berufsleben erstaunlich oft mit Lautstärke verwechselt. Wer schnell spricht, wenig zweifelt, andere unterbricht und seine Position mit großer Selbstverständlichkeit vertritt, wirkt auf den ersten Blick souverän. Das ist aber nicht dasselbe wie Selbstbewusstsein.

Gerade Frauen erleben in Führungsrunden noch immer eine merkwürdige Erwartung: Sie sollen sich durchsetzen, aber bitte nicht zu dominant sein. Sie sollen klar auftreten, aber nicht schwierig wirken. Die Antwort darauf kann nicht sein, die lauteren Männer zu kopieren.

Vielleicht lohnt sich deshalb eine andere Definition: Selbstbewusst ist, wer sich seiner selbst bewusst ist. Wer weiß, was er kann, was er beitragen möchte und wo seine Grenzen liegen. Dann braucht es weniger Rüstung.

Drei kleine Dinge können dabei helfen:

  1. Leiser werden, statt lauter zu werden.
    In einem hektischen Meeting einmal bewusst langsamer und etwas leiser sprechen. Nicht kleinlaut, sondern ruhig und pointiert: „Ich sehe an dieser Stelle drei Punkte.“ Dann diese drei Punkte nennen – und aufhören. Wer Klarheit hat, muss nicht um Redezeit kämpfen.
  2. Äußerungsdiebstahl freundlich sichtbar machen.
    Die eigene Idee wird übergangen, fünf Minuten später trägt ein Kollege sie erneut vor und plötzlich findet sie Zustimmung. Man muss daraus keinen Machtkampf machen. Ein ruhiges „Danke, genau das war mein Punkt von vorhin. Ich würde den Gedanken gern noch um einen Aspekt ergänzen“ reicht häufig. Und genauso wichtig: Mittäterschaft unterbrechen. Wenn einer Kollegin das passiert: „Das knüpft gut an Annas Vorschlag von eben an.“ Kleine Sätze verändern die Spielregeln.
  3. Nicht immer die Streberin am Tisch sein müssen.
    Kompetenz bedeutet nicht, jede Minute kompetent wirken zu müssen. Man darf mit den Jungs auch einmal über Fußball, Urlaub, das Wochenende oder völligen Unsinn reden. Smalltalk aushalten, lachen, Kaffee trinken, ohne sofort das nächste Sachthema auf den Tisch zu legen. Beziehungen entstehen nicht nur durch Leistung. Und Zugehörigkeit bedeutet nicht Anpassung.

Vielleicht ist das die angenehmere Form von Selbstbewusstsein: weder lauter werden noch sich kleiner machen.

Sondern wissen, wer man ist – und deshalb nicht ständig beweisen müssen, dass man da ist.

Worth a thought?
Bester Gruß aus Hamburg

JPF

 

Ich arbeite als Coach und Berater für Führungskräfte – mit Blick auf Rollen, Wirkung, Kommunikation und Selbstorganisation. Und ich schreibe über Führung, Verantwortung, Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte, wenn ich nicht gerade Menschen in Veränderung begleite, Strukturen sortiere oder Gespräche führe, die etwas in Bewegung bringen.

 

 

 

 

 

  Rudman & Phelan (2008), Research in Organizational Behavior: Sehr passend für den Grundgedanken. Frauen stehen häufiger vor einem „Double Bind“: Durchsetzungsfähigkeit und Selbstbehauptung sind für Führung notwendig, können bei Frauen aber gleichzeitig negative soziale Reaktionen auslösen. ScienceDirect
Rudman & Phelan – Backlash effects for disconfirming gender stereotypes

  Williams & Tiedens (2016), Meta-Analyse: Besonders interessant für Deinen Ansatz „nicht lauter werden“. Die Meta-Analyse zeigt: Explizit dominantes Verhalten kann Frauen hinsichtlich Sympathie stärker schaden als Männern; bei subtileren Formen von Dominanz zeigte sich dieser Effekt nicht. Das unterstützt eher eine Strategie von ruhiger Präsenz und Klarheit als demonstrativer Dominanz. PubMed
Williams & Tiedens – Meta-Analyse zu Dominanz und Backlash

  Moss-Racusin & Rudman (2010): Frauen können bei Selbstvermarktung einen Backlash erwarten bzw. antizipieren; diese Erwartung kann wiederum die eigene Selbstpräsentation beeinträchtigen. Das passt sehr gut zu „sich seiner selbst bewusst sein“, statt männlich konnotiertes Auftreten einfach zu imitieren. Wiley Online Library
Moss-Racusin & Rudman – Backlash Avoidance Model

  Krings et al. (2023): Neuere experimentelle Evidenz: Sehr starke Selbstpromotion kann insbesondere bei bestimmten Gruppen von Frauen zu geringerer wahrgenommener Wärme und schlechteren Einstellungsbewertungen führen, obwohl die Kompetenz nicht geringer bewertet wird. Wichtig: Das ist kontextabhängig und kein allgemeines „Frauen dürfen nicht selbstbewusst sein“. Wiley Online Library

  Forret & Dougherty (2004) sowie eine aktuelle Literaturübersicht von Voytiv et al. (2026): Informelle Netzwerke und Networking sind für berufliche Entwicklung relevant; zugleich unterscheiden sich Netzwerkstrukturen und teilweise auch deren Karriereeffekte nach Geschlecht. Damit lässt sich Dein dritter Punkt – „Smalltalk auch mal aushalten“ – seriöser begründen als mit der etwas pauschalen Idee, Frauen müssten „mit den Jungs“ reden.

 

 

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