„War doch nicht so gemeint …“ – Alltäglicher Sexismus in der Arbeitswelt und wie wir anders damit umgehen können

Ein Drittligaspiel. Eine Schiedsrichterin. Ein sexistischer Spruch. „Geh doch zurück an den Herd!“ – Mitten im Spiel, ins Stadionmikrofon gerufen. Die Szene ist dokumentiert, die Täter bekannt. Und doch: Die breite Solidarität bleibt aus. (Quelle: Sportschau, 2024)
Was im Fußball passiert, steht exemplarisch für das, was in vielen Branchen Alltag ist: Sexismus ist da – oft leise, manchmal laut. Aber fast immer folgenlos.
Wie zeigt sich Sexismus im Berufsalltag?
1. Rollenklischees statt Rollenkompetenz
„Ich wurde schon oft für die Krankenschwester gehalten – obwohl ich die leitende Chirurgin bin.“
Viele Frauen berichten, dass ihnen – trotz Ausbildung und Erfahrung – zunächst weniger Kompetenz zugetraut wird. Besonders in typischerweise „männerdominierten“ Berufen (Medizin, Technik, Bau) sind Rollenzuschreibungen tief verankert.
Konsequenz: Frauen müssen sich doppelt beweisen. Das kostet Kraft und erzeugt unnötigen Druck.
2. Überhört, übergangen, überspielt
„Ich habe denselben Punkt wie mein Kollege gemacht – bei ihm gab’s Applaus.“
Ein bekanntes Phänomen, oft „hepeating“ genannt: Eine Frau bringt einen Gedanken ein – niemand reagiert. Ein Mann wiederholt ihn – plötzlich Zustimmung. Studien belegen dieses Muster. (Quelle: Yale University, 2017; Harvard Business Review, 2019)
3. Sexistische Sprüche im „lockeren Ton“
„Das war doch nur ein Witz …“
Ob in der Werkstatt oder im Großraumbüro – sogenannte „harmlose Witze“ über Frauen sind selten harmlos. Sie zementieren Stereotype, machen Menschen klein und schaffen ein unangenehmes Arbeitsumfeld – selbst wenn sie nicht offen gemeint sind.
4. Ungleichbehandlung im Bewerbungsprozess
„Wie vereinbaren Sie Karriere und Familie?“
Solche Fragen bekommen vor allem Frauen gestellt – selbst wenn sie nicht relevant sind. Laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sind sie unzulässig. Doch in der Praxis kommen sie häufig vor – als Zeichen unausgesprochener Vorannahmen.
Und jetzt? Was Männer UND Frauen tun können – ohne Eskalation
✅ Für Männer:
-
Wahrnehmen statt Wegsehen
Wenn Kolleginnen über sexistische Erfahrungen sprechen, geht es nicht um Überempfindlichkeit. Sondern um Realität. Zuhören ist der erste Schritt. -
Solidarisch sein – auch im Kleinen
Wenn ein sexistischer Witz fällt, genügt oft ein einfaches: „Lass mal – ist echt nicht cool.“ Keine große Rede. Aber klare Haltung. -
Raum geben statt übernehmen
In Meetings bewusst darauf achten: Wer kommt zu Wort? Wer wird unterbrochen? Wer bringt Ideen ein – und wer bekommt dafür Anerkennung?
✅ Für Frauen:
-
Grenzen benennen – ruhig und klar
Ein Satz wie „Das finde ich unangebracht – bitte lass das.“ kann Wirkung zeigen. Ohne Angriff, aber mit Haltung. -
Verbündete suchen – nicht alles alleine tragen
Ein unterstützendes Netzwerk (formell oder informell) hilft, Erfahrungen einzuordnen und gemeinsam Strategien zu entwickeln. -
Feedback einfordern
Wenn eigene Vorschläge übergangen werden: „Ich hatte das Thema auch gerade angesprochen – können wir kurz klären, worin der Unterschied gesehen wurde?“
Sexismus ansprechen – ohne Eskalation
Der Schlüssel liegt in der Haltung: nicht anklagen, sondern aufklären. Nicht beschämen, sondern ermutigen. Veränderung entsteht selten durch Druck – sondern durch Mut, Bewusstsein und gegenseitige Unterstützung.
Fazit: Der Applaus muss lauter werden
Was Franziska Wildfeuer erlebt hat, erleben viele – nur im Stillen. Es braucht keinen Shitstorm. Aber es braucht Solidarität. Haltung. Zivilcourage.
Und vielleicht öfter einfach einen Satz wie:
„Das machen wir hier anders.“







